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Getrost traurig und traurig getrost - Predigt zur Kantate II des Weihnachtsoratoriums, Blaubeuren am 26.12.2009

 

2. Weihnachtstag 2009, 26.12. mit WO II, 2009
 
Vorspiel = Eingangschor
Gruß
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Herzlich willkommen hier in Blaubeuren in der Stadtkirche zum zweiten Kantatengottesdienst mit dem Weihnachtsoratorium.
Die zweite Kantate beschreibt den Moment, als die Botschaft von der Geburt zu uns Menschen kommt – zuerst zu den Hirten, dann zu allen.
Mitten im Dunkel bricht sich die Wirklichkeit Gottes ihre Bahn.
Deshalb singen wir: Brich an du schönes Morgenlicht
 
Lied Gemeinde: Brich an du schönes Morgenlicht, V.1-3
Psalm 96
Kantate II, Nr.11-17
Predigt/Ansprache
Liebe Gemeinde,
„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde“.
 
in einem Stück des Weihnachtsoratoriums geschieht etwas, was kaum jemals eine Predigt zustande bringen kann:
Man kann getrost traurig sein und dabei gleichzeitig traurig getrost.
Anders gesagt:
Es berühren sich Himmel und Erde!
Schon als Kind mit 10 oder 11 Jahren als ich mich beginnend mit Vivaldis 4 Jahreszeiten ganz langsam auch an alte Musik herantraute, spürte ich das richtig physisch.
Die Szene ist mir noch bildlich vor Augen.
Immer wieder nahm ich die alte Schallplatte – ja damals gab es das noch – mit der Aufnahme des Weihnachtsoratoriums der Thomas-Kantorei aus der Hülle und legte sie auf den Plattenteller.
Einige Sekunden knacken – und dann begann wunderbar leicht und schwebend die Hirtensinfonie, der Beginn der zweiten Kantate.
Himmlische Musik.
Ohne dass ich das hätte beschreiben können, war mir sofort klar:
Das ist keine Musik, die für sich selbst steht und bleibt.
Das ist Musik für mich.
Nirgendwo werden Gott und Mensch behutsamer und wärmer miteinander verstrickt als hier in Bachs Hirtensinfonie.
Reflektiert oder rein gefühlserfasst wird es einem klar:
Gott versetzt sein Zuhause zu uns Menschen, wird Mensch in Jesus Christus.
Und dadurch findet unsere Seele ihr Zuhause bei Gott.
Nichts, aber auch gar nichts, kann dieses Wissen und Fühlen zerstören.
Keiner Welt Toben, und kein Schrecken!
Das ist mit anderen Worten gesagt: Weihnachten.
Wer das selbst so erlebt hat, dem muss man das nicht erklären.
Und durch erklären, wird es nicht bis ans Herz kommen.
Sanft vermittelt Bachs Musik einem existentiell, dass man gehalten und gefasst ist, in Gott, dass man auch mal getrost traurig sein kann und dabei in aller Traurigkeit getrost.
Man spürt Gottes Zuwendung durch diese Musik hindurch.
Und man kann es auch zeigen, in den Noten der Musik.
Die Gedanken zur Kantate sind wie eine Sehschule, die auffordert:
„Schaut hin! dort liegt im finstern Stall, des Herrschaft gehet überall.“
 
Wie geht das vor sich?
Gott versetzt sein Zuhause zu uns Menschen, wird Mensch in Jesus Christus.
Und dadurch findet unsere Seele ihr Zuhause bei Gott.
 
Die Erzählung der Weihnachtsgeschichte führt uns zuerst zu den Hirten.
Sie sollen diese Botschaft zuerst vernehmen.
„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde“.
Die Hirten, das waren seit der Antike ambivalente Gestalten.
Schon Vergil lobt das einfache ursprüngliche Leben als das Ideal des Lebens schlechthin.
Andererseits waren die Hirten damals meist raue, einfache Gestalten, die auch sozial am Rande der Gesellschaft lebten, mit einem Einkommen knapp über Hartz IV.
Denen wird die Gute Nachricht zuerst gebracht, sicher nicht zufällig.
Diese sind zuoberst auf Gottes Agenda und die Boten, die Engel, singen es ihnen zuerst.
 
Die Sinfonia zu Beginn der Kantate beginnt mit den Flöten und Streichern, mit andern Worten: im Himmel.
Das sind leicht tänzelnd und schwebend die Himmelsinstrumente, die da ertönen.
Bis dann im Takt neun die Oboen dazu kommen.
Oboen, Symbol für die Hirten.
Symbol für die Menschheitsgeschichte.
Die extra tiefe, seltene Oboe da caccia ist besonders auffällig.
Ganz unten sind wir da.
Das meint Bach sicher auch im übertragenen Sinne.
Denen, die diese Nacht frieren, diesen Hirten, der alleinerziehenden Mutter mit einem schlecht bezahlten Kleinstverdienst, der alten Frau, die längst nicht mehr ihre kleine Wohnung verlassen kann, gilt die Botschaft zuerst.
 
Zuerst die himmlische Engelsmusik, dann die irdischen Oboen.
Zuerst im Wechsel, aber ganz schnell verschlingt Bach Flöten und Streicher, den Himmel und irdisch tiefes, die Oboen, miteinander, so dass sie in den Takten 18-20 kaum mehr zu unterscheiden sind.
 
 
Die Sinfonie ist im 12/8-Takt geschrieben.
Und was uns heutzutage als abgehobene Zahlenspinnerei erscheint, war für Bach ein Stück Handwerkskunst:
Die Zahl 12 setzt sich zusammen aus 3 mal 4.
Drei die göttliche Zahl der Trinität, Vater, Sohn und Heiliger Geist, 4, die Zahl der Erde, die Zahl des Menschen:
Vier Himmelsrichtungen, vier Extremitäten.
Himmel und Erde im Weihnachtsgeschehen verschlungen bedeutet für Bach in Zahlen gesprochen: 3x4.
Es reicht uns, dass wir es spüren, so wie als Kind beim knackenden Plattenspieler schon bei den ersten Takten.
Es steckt aber eine tiefe theologische Wahrheit dahinter.
Gott wird Mensch, dir Mensch zu Gute!
Himmel und Erde berühren sich, und das berührt uns, weil sich unsere Existenz verwandelt.
Bei allem, was passiert, sind wir erfasst und gefasst in die Wirklichkeit Gottes.
Die Nacht bekommt einen neuen Schein.
Im zweiten Teil der Kantate wird sich dieses Verschlingen steigern bis hin zum Chor:
Ehre sei Gott!
Sage und schreibe 48 Mal kreuzen sich in diesem Chor die Stimmen.
Das Göttliche von oben gibt sich tief hinunter.
Das Menschliche wird in diesem Zusammenhang erhoben, verliert seine Schwere und singt mit, jubelt mit, sozusagen mit den Engeln vor dem offenen Himmel.
Vielleicht mit Tränen in den Augen, weil wir, zwar an Weihnachten und in dieser Kantate den Himmel immer wieder schauen, singend hörend, bekennend.
Weil wir aber gleichzeitig dieses göttliche Geheimnis der Menschwerdung immer nur in wenigen kostbaren Momenten mit unsrem ganzen Wesen erfassen können und vieles um uns herum uns die Tränen des Zornes und der Trauer in die Augen treibt.
Doch eines ist seit dieser Nacht von Bethlehem nicht mehr wegzudiskutieren.
Die Botschaft der Engel an die Hirten gilt und will sich Raum greifen.
Sie macht frei, leicht und erlöst, denn wir sind ein Stück der Geschichte Gottes geworden.
Und darum singen wir mit den Engeln mit, wie auch die Hirten, wie die stummen Dinge und die groben Klötze mit den Engeln mitbrummeln, singen wir dem Jesuskind ein Wiegenlied, auch wenn manchen unter uns das Herz schwer ist, vielleicht gerade besonders an Weihnachten und vieles noch nicht ist, wie es sein könnte.
Wir singen mit auch getrost traurig, weil traurig getrost:
 
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden bei den Menschen
 
Amen.
 
Kantate II, Nr. 18-23
Fürbittegebet
Guter Gott, du kommst anders als wir es erwarten.
Lass uns das Kleine nicht übersehen, in dem du dich zeigst.
den Schöpfer der Welt als Säugling am Rand der Welt.
 
Wir bitten dich für die Menschen, die enttäuscht sind und müde, weil ihre Sehnsucht nicht erfüllt wurde,
weil Hektik oder Streit keinen Raum ließen.
Lass sie erfahren, dass du ihnen nahe bist.
 
Wir bitten dich für alle, die gerade an Weihnachten spüren,
dass sie jemanden verloren haben, der ihnen wichtig war.
Lass dein Licht auch in ihrer Dunkelheit leuchten.
 
Wir bitten dich für alle, die nicht wissen, wie es weitergehen soll.
Du übersiehst niemanden.
Hilf uns, dass auch wir die Not wahrnehmen und tun, was uns an unserem Platz möglich ist.
Vaterunser
Lied Gemeinde: Vom Himmel hoch, EG 24,9-10.13-15
Abkündigungen: Kantate 2, 2. Weihnachtstag
Opfer, Einladung zu Kantate III, Sonntag 27.12. (morgen)
Segensstrophe: EG 26 K; Ehre sei Gott in der Höhe)
Segen
Nachspiel = Nr.10, Sinfonia
 

 



 
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