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| Wachsen wie ein Baum - Predigt an Himmelfahrt 2002, Blaubeuren-Steigziegelhütte |
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Predigt, Himmelfahrt 9.5.02, Gottesdienst im Grünen, Wachsen wie ein Baum
Liebe Ulmer, Seißener und Blaubeurer,
wachsen, wie ein Baum, so haben wir diesen Gottesdienst überschrieben.
Viel haben wir schon gehört über Bäume und aus dem Munde der Seißener Kinder auch direkt die Geschichten der Bäume.
Was macht nun die Bäume so interessant auch für einen Gottesdienst?
In Bäumen entdecke ich meine eigene Lebensgeschichte eingeschrieben und richtig mit Händen greifbar.
Und in ihnen lese ich wie einem Buch der Schöpfung auch meine Beziehung zu Gott meinem Schöpfer nach.
Was sind nun die Punkte, die besonders faszinierend sind.
1. Trotz und Mut
In Bäumen lese ich etwas von Lebensmut und Lebenstrotz.
In Korsika gibt es eine ganz besondere Art der Bergkiefer.
Es ist die sogenannte Lariccio-Kiefer.
Das besondere an ihr ist, dass sie bis in Höhen von fast 2000 Metern vorkommt.
Dabei ist die Lariccio-Kiefer ein sehr großer Baum mit weit ausladenden Ästen.
Der Wind rüttelt an den Ästen und der lange Winter dort im Gebirge liegt lastend auf den knorrigen Kronen.
So sind viele dieser oftmals ganz alleine dastehenden Kiefern vom Wind gebogen, zerzaust und mit ganz unregelmäßigem Astwerk.
Aber sie stehen da, mächtig, großartig allen Stürmen und Unwettern zum Trotz!
Von Stürmen und Unwettern in unserem Leben muss ich ihnen nichts erzählen, das können sie sicher alle ganz persönlich eintragen.
2. Überschwang und Freude
Als zweites fasziniert mich der sich verschenkende Überschwang der Bäume.
Gerade jetzt bricht es sogar auf der Alb mächtig aus den dürren Ästen hervor.
Unvorstellbares zartes Grün der Buchen und ein überschwängliches Toben von Weiß in Kirsch- und Apfelblüten.
Fast verschwenderisch und nur für ein paar Tage.
Als würde der Baum völlig selbstlos all seine Schönheit verschenken wollen und nicht im entferntesten an den nächsten Tag denken.
Eine überschwängliche Lebensfreude strahlt mir bei einem blühenden Baum entgegen, freigebig, großzügig.
Wobei wir natürlich wissen, dass die eigentliche Großzügigkeit der Obstbäume erst noch kommt!
3. Wurzeln
Als drittes faszinieren mich die Wurzeln, die man ja normalerweise nicht sieht.
Sie sind für mich Zeichen dafür, dass es mehr in einem Leben gibt als das, was vor Augen ist.
Die Wurzeln stützen und strecken sich aus nach dem lebenspendenden Wasser, nach der Quelle.
Im 4. Kapitel des Johannesevangeliums trifft Jesus die Samaritanerin am Brunnern in Sychar.
Er erklärt der Samaritanerin, die ihm gerade Wasser gegeben hat: (Joh 4,10):
Wenn du wüsstest, was Gott den Menschen schenken will und wer es ist, der dich jetzt um Wasser bittet, dann hättest du ihn um Wasser gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.
Der Glaube streckt sich aus nach Jesus Christus und findet wie die Wurzel tief im Glauben lebendiges Wasser, erfülltes Leben.
Aus der Wurzel des Glaubens kann nun wieder nach oben wachsen, was wir sehen und was sich wahrnehmen lässt:
Es wächst daraus knorriger und widerstehender Lebensmut, der Überlebenskraft in den Stürmen des Lebens geben kann, wie bei einer korsischen Kiefer.
Und es wächst daraus Lebensfreude und Überschwang, der sich verschenkt an andere, die ihn brauchen, wie bei einem schwäbischen Obstbaum.
„der ist wie ein Baum
gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
und seine Blätter verwelken nicht“
(Psalm 1)
Herr, lass mich sein wie ein Baum,
der je länger desto mehr verwurzelt ist,
damit ich Halt finde in dir in den Stürmen meines Lebens.
Herr, lass mich sein wie ein Baum,
der sich aufrichtet – trotz Verkrümmungen –
und sich dir entgegenstreckt,
damit ich Orientierung finde in der Weite deines Geistes
in dieser verwirrten Zeit.
Herr, lass mich sein wie ein Baum,
der sich dem Wechsel der Jahre nicht entzieht,
damit ich in Würde alt werden kann
dir und deiner Wirklichkeit entgegen.
RL
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